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Rathaus
Das Stuttgarter Rathaus 2011 - Foto: Google

Die Geschichte der Stuttgarter Oberbürgermeister


    • 1 - Einst war der OB nur von Königs Gnaden
    • 2 - Die Ära der großen Stadtmodernisierer
    • 3 - Ein OB von Hitlers Gnaden
    • 4 - Seit 1945 erst drei Rathauschefs


    Rathaus von 1905
    Stuttgarter Rathaus von 1905 - Foto: DVD Stadtmessungsamt

 

Stuttgarts Oberbürgermeister -
1 - Einst war der OB nur von Königs Gnaden


STZ - Thomas Borgmann, 28.08.2012



Stuttgart - Stuttgart sucht ein neues Stadtoberhaupt. Vielleicht am 7. Oktober, spätestens aber am 21. Oktober werden wir wissen, wer die Nachfolge von Wolfgang Schuster antritt. Diese OB-Wahl birgt nicht nur politische Brisanz, sie besitzt auch eine historische Dimension. Der Rückblick in die Stadtgeschichte zeigt nämlich: die Oberbürgermeister waren allesamt profilierte Köpfe, die dem größten Gemeinwesen des Landes ihren Stempel aufgedrückt haben – zumeist im Guten, mancher auch im Negativen.

Die Anfänge der kommunalen Demokratie in Stuttgart lassen sich genau datieren: Am 31. Dezember 1818 erließ König Wilhelm I. ein Dekret, demzufolge künftig die Bürgerschaft den 20-köpfigen Gemeinderat selbst wählen durfte. Der Rat wiederum erhielt das Recht, dem König einen „Stadtvorstand“ vorzuschlagen, der fürderhin den Titel „Oberbürgermeister“ tragen sollte. Eine mittelbare Volkswahl, wenn man so will. 1818 war das Jahr, in dem Thouret seinen genialen Generalbauplan vorlegte, Königin Katharina den Vorläufer der heutigen Landesbank gründete und der König das landwirtschaftlich geprägte Volksfest auf dem Cannstatter Wasen stiftete. Wilhelm I. ist als Reformer auf dem Thron in die Geschichte eingegangen.


Willibald Feuerlein – 1820–1833
Feuerlein
Willibald Feuerlein, Amtszeit 1820 bis 1833 Foto: Archiv


Im Oktober 1820 wurde der Jurist August Willibald Feuerlein, Jahrgang 1781, auf Vorschlag der bürgerlichen Kollegien Stuttgarts erster Oberbürgermeister. Er stammte aus einer angesehenen hiesigen Familie, war unter anderem Justiziar der Universität von Tübingen gewesen. Als er begann, hatte die Stadt 20 000 Einwohner. In seine Amtszeit fallen der Bau des Wilhelmspalais, des Cannstatter Kursaales, der Bau von Schloss Rosenstein und des Katharinenhospitals sowie die Eröffnung der Neuen Weinsteige.

Doch die historische Wahrheit ist: der König und der Landtag bestimmten die Politik – der Stadt blieb keinerlei Spielraum. Sie verwaltete die Dinge ihrer Bürger recht und schlecht, wuchs auf 35 000 Seelen, blieb aber ohne jeden Einfluss. Feuerlein, selbst Mitglied des Landtags, scheiterte mit dem Versuch, der Kommune neue Statuten zu geben. Als er bei der Landtagswahl von 1832 eine herbe Niederlage erlitt gegen den berühmten Dichter und Politiker Ludwig Uhland, mit dem er verwandt war, legte er Anfang 1833 sein OB-Amt nieder. Feuerlein starb 1850.


Georg Gottlob Gutbrod – 1833–1861
Gutbrod
Georg Gottlob Gutbrod, Amtszeit 1833 bis 1861 Foto: Archiv


Der erste Oberbürgermeister modernerer Prägung war das jüngste von zehn Kindern des Metzgermeisters Lorenz Gutbrod. Seit 1808 hatte sich Georg Gottlob Gutbrod, Jahrgang 1791, im Rathaus hochgedient. Als neues Stadtoberhaupt wurde er zum Glücksfall, seine Ideen machten Epoche: Er führte die Gasbeleuchtung ein, forcierte den Eisenbahnbau, förderte Schulwesen und Handel, richtete eine Tuchmesse ein und 1836 den größten Pferdemarkt Süddeutschlands. Gutbrod modernisierte die Verwaltung, ließ Spezialisten ausbilden, etwa für das städtische Baudezernat. Dieser Oberbürgermeister Gutbrod wurde zum Idealbild seiner Bürger. Sein höchstes Verdienst, so verzeichnet es die Chronik, war „die ruhige Führung der Stadt während der stürmischen Zeiten der bürgerlichen Revolution von 1848/49“.

So wurde er „Ritter des Ordens der Württembergischen Krone“, ruinierte jedoch durch seinen immensen Fleiß über fast 30 Jahre seine Gesundheit – am 22. Oktober 1861 starb Gutbrod, 70 Jahre alt, im Amt. Eine Altersgrenze gab es nicht, die Wahl galt auf Lebenszeit. Die Stadt war auf mehr als 60 000 Menschen angewachsen, die ersten Anzeichen der Industrialisierung hatten Stuttgart erfasst und bereits erheblich verändert.


Heinrich von Sick – 1862–1872
Sick
Heinrich von Sick - Amtszeit 1862 bis 1872 Foto: Archiv


Im April 1862 ereignete sich etwas Historisches: die erste wirkliche OB-Wahl! An Männern, die das schwere, zugleich aber honorige Amt übernehmen wollten, mangelte es nicht. Der ­39-jährige Oberjustizrat Heinrich Sick, Jahrgang 1822, später wie alle anderen geadelt, erhielt 4259 Stimmen – mit Abstand das beste Ergebnis. Wählen durfte nur die bürgerliche Oberschicht, allerdings erhielten Frauen erst hundert Jahre später das Wahlrecht. Sick, Sohn eines Stadtrates und Silberschmiedes, modernisierte die Verwaltung, erneuerte den Stadtbauplan, reformierte das Armenwesen, wie die Sozialpolitik hieß, aber auch das veraltete Schulwesen.

Sick war ein großes politisches Talent, man überhäufte ihn mit Orden und Ehrenzeichen. Bei der Landtagswahl von 1868, der ersten mit „allgemeinem und direktem Wahlrecht“, bekam der OB keinen Gegenkandidaten. 1871 hatte Stuttgart 91 623 Einwohner. 1872, nach zehn Amtsjahren, wurde Sick Innenminister und verließ das Rathaus. Er starb im Oktober 1881.


Stuttgarts Oberbürgermeister

2 - Die Ära der großen Stadtmodernisierer


Thomas Borgmann, 29.08.2012


Stuttgart - Die Wahl des neuen Oberbürgermeisters rückt näher, am 7. Oktober, spätestens aber am 21. Oktober, fällt die Entscheidung, wer der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Wolfgang Schuster sein wird. Historisch gerechnet, wird es das zwölfte Stadtoberhaupt sein seit den Anfängen der bürgerschaftlichen Demokratie in Stuttgart.

König Wilhelm I. von Württemberg hat sie, wie am Dienstag berichtet, mit seinem Dekret vom Dezember 1818 zur Volkswahl des Gemeinderats begonnen. Willibald Feuerlein war der erste Rathauschef, der den offiziellen Titel „Oberbürgermeister“ tragen durfte. Die Amtsbezeichnung ist geblieben, das Wahlrecht hat sich seit den Zeiten von Feuerlein, Gutbrod und Sick vielfach verändert.


G. Friedrich von Hack – 1872 bis 1892

Hochbegabt und allseits anerkannt

Hack
G. Friedrich von Hack – 1872 bis 1892 - Archiv


Als der OB Heinrich von Sick im Frühjahr 1872 das Rathaus verließ, um neuer württembergischer Innenminister zu werden, stand sein Nachfolger parat: Friedrich Hack, Jahrgang 1843, aus Meimsheim bei Brackenheim. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte er mit 14(!) Jahren eine Ausbildung in der Kommunalverwaltung begonnen. Hochbegabt und allseits anerkannt, war er nach Abitur und Studium zum engsten Mitarbeiter des Nationalökonomen Ferdinand Steinbeis avanciert, später zum wissenschaftlichen Mitarbeiter des Oberbürgermeisters. Mit 27(!) wurde Hack in Tübingen zum Professor berufen. Die OB-Wahl am 18. Juni 1872 gewann er souverän mit 6033 von 6145 abgegebenen Stimmen.


Hack verordnete sich und seiner Stadt ein gewaltiges Modernisierungsprogramm, über das man selbst heute nur staunen kann. Mit klugen Denkschriften reformierte er das Steuerwesen, die öffentliche Gesundheitspflege, die Wasserversorgung, Straßenbahn und Schulwesen, Handel, Verkehr und Versicherungen. Hack gründete 1891 die Berufsfeuerwehr, schuf in der Verwaltung neue, professionelle Strukturen, etwa das Hochbau- und das Wasseramt – auch die Neugliederung der Schutzmannschaft wie man damals die Polizei nannte.

 

Bauboom und Hochkonjunktur

 

Während Hacks 20 Amtsjahren wuchs Stuttgart von 90 000 auf 144 000 Bürger. Robert Bosch und Gottlieb Daimler schrieben hier Industriegeschichte, aus der Residenz- und Beamtenstadt wurde eine Metropole mit Bauboom und Hochkonjunktur. Hacks persönlicher Preis lag hoch: 1892, erst 49 Jahre alt, musste er sich zur Ruhe setzen, seine Gesundheit war ruiniert. Hack zog nach Urach, starb dort 1911.


Emil von Rümelin – 1892 bis 1899
Rümelin
Emil von Rümelin – 1892 bis 1899- Archiv


Die kürzeste Amtszeit aller Oberbürgermeister hatte Emil von Rümelin, 1846 in Ulm geboren – auch er, wie sein Vorgänger, ein Talent der kommunalen Organisation. Volkspartei und Sozialdemokratie hatten ihn zur Kandidatur gedrängt. Nach hartem Wahlkampf feierte er einen großen Erfolg. Rümelin gründete ein städtisches Arbeitsamt, das Statistische Amt der Stadt, 1897 zählte er zu den Gründern des Württembergischen Städtetages. In seiner kurzen Amtszeit wurde die Stadt erweitert, der Schwabtunnel und das Bürgerhospital gebaut, die Straßenbahn elektrifiziert und das Schulgeld für die Volksschule abgeschafft. Mit seiner Denkschrift „Selbstverwaltung in ihrer Bedeutung für die soziale Frage“ schuf er die erste Altersversorgung für städtische Mitarbeiter.

 

Wie auf den Leib geschneidert

 

Aber auch der vom König geadelte Emil von Rümelin war gesundheitlich schwer angeschlagen, zeitweise arbeitsunfähig – am 24. März 1899 starb er an Krebs, nur 53 Jahre alt. Seine Beisetzung auf dem Pragfriedhof wurde, so die Chronik, „zu einer der bedeutendsten Kundgebungen, die Stuttgart damals erlebte“.


Heinrich von Gauß – 1899 bis 1911

Gauß
Heinrich von Gauß – 1899 bis 1911- Archiv


Als Emil von Rümelin begraben wurde, hielt der Rechtsanwalt und „besoldete Gemeinderat“ Heinrich Gauß die viel beachtete Trauerrede. Viele ahnten schon, dass er der Nachfolger und neue Oberbürgermeister werden würde. Gauß, 1858 in Stuttgart geboren, gewann die Wahlen, das höchste Amt im Rathaus war ihm auf den Leib geschneidert. Im Rückblick stuften die Stadtgeschichtler seine Amtszeit noch höher ein als die von Hack. Gauß begann das 20. Jahrhundert mit der Gründung eines Wohnungsamtes und eines Vermessungsamtes. Vor allem aber führte er mit ruhiger Hand die erste große Welle der Eingemeindungen: Gaisburg, Cannstatt, Untertürkheim, Wangen und auch Degerloch. Gauß veranlasste den als bahnrechend geltenden neuen Stadtbauplan des genialen Theodor Fischer, er erwarb Gas- und Elektrizitätswerke, ließ die Straßenbahn ausbauen und förderte von Seiten der Stadt den Bau des Hoftheaters und des Kunstgebäudes. Aber auch er mutete sich, wie viele seiner Vorgänger, zu viel zu: Obwohl auf Lebenszeit gewählt, was damals üblich war, musste er wegen eines Krebsleidens vorzeitig aufgeben, mit 63 Jahren seinen Rücktritt einreichen. Er starb zehn Jahre später, im Dezember 1921.

 

Stuttgarts Oberbürgermeister
3 - Ein OB von Hitlers Gnaden


STZ Thomas Borgmann, 30.08.2012


Stuttgart - Zwei Männer, die noch im 19. Jahrhundert geboren waren, prägten an der Spitze des Rathauses die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: Der integre Demokrat Karl Lautenschlager, Jahrgang 1868, und der stramme Nationalsozialist Karl Strölin, Jahrgang 1890. Der eine führte seine Stadt und ihre Bürger mit Vernunft und Weitsicht durch die schwierige Zeit des Ersten Weltkriegs, dessen Ausbruch man auch in Stuttgart zunächst enthusiastisch begrüßt und gefeiert hatte, später durch die vermeintlich so goldenen zwanziger Jahre. Der andere war zu keiner Zeit demokratisch legitimiert, verdankte seine Rolle vielmehr der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933. Zwei Politiker, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ihre Amtszeiten gelten als herausragend: im Positiven wie im Negativen.


Karl Lautenschlager – 1911 bis 1933
Lautenschlager
Karl Lautenschlager 1911 bis 1933 - Archiv


Am 12. Mai 1911 wurde der Staats- und Rechtswissenschaftler Karl Lautenschlager, Kandidat der Konservativen und Nationalliberalen, mit 13 154 Stimmen zum Nachfolger des zurückgetretenen Heinrich von Gauß gewählt. Stichwahlen gab es noch nicht, wer am Wahltag die meisten Stimmen bekam, zog ins höchste Amt der Stadt ein. 1921, die Frauen waren erstmals wahlberechtigt, und 1931 wurde der beliebte Lautenschlager wiedergewählt. Stuttgart war seit 1911 von 290 000 auf mehr als 400 000 Einwohner angewachsen.

Lautenschlager hat die Stadt geprägt

Karl Lautenschlager steht für eine Fülle kommunalpolitischer Projekte, die Stuttgart bis heute prägen: Der Bau des Hauptbahnhofes und der Weißenhofsiedlung, des Tagblatt-Turmes, des Neckarkanals und der Ausfallstraßen. Lautenschlager schuf die Struktur der Stadtverwaltung, wie sie bis heute besteht, er stärkte die Technischen Werke und die Stuttgarter Straßenbahn, kaufte die Villa Berg für die städtische Kunstsammlung, baute das Bäderwesen aus und bekämpfte die akute Wohnungsnot. Obertürkheim, Hedelfingen, Kaltental, Botnang, Hofen und Zuffenhausen wurden eingemeindet. Um nur das Wichtigste zu nennen.

Unverschuldet wurde Lautenschlager zur tragischen Figur: Nach 22 Amtsjahren stand er im Frühjahr 1933 auf der Straße, die Nazis hatten ihn kaltblütig aus dem Amt gedrängt. Zwar durfte er Vorstandsvorsitzender der Straßenbahn bleiben, wurde aber mittellos, verlor sein Haus bei einem der vielen Bombenangriffe im Sommer 1944. Als der Krieg im Mai 1945 zu Ende ging, war Lautenschlager 77 Jahre alt. Am 21. September 1945 erhielt er in einer schlichten Zeremonie die verdiente Würde eines Ehrenbürgers; der neue OB Arnulf Klett hatte dafür gesorgt. Im Dezember 1952 starb Lautenschlager nach längerer Krankheit. Bis heute pflegt die Stadt sein Ehrengrab auf dem Waldfriedhof.


Karl Strölin – 1933 bis 1945

Strölin übernahm die Macht im Rathaus
Strölin
Karl Strölin – 1933 bis 1945- Archiv


An diesem Oberbürgermeister scheiden sich die Geister. Die einen sehen in dem ehemaligen Berufssoldaten einen eiskalten Karrieristen der Nazizeit, der selbst nach 1945 keinerlei Reue oder gar Anteilnahme für die Opfer zeigte, auch nicht für die so schändlich ermordeten Juden. Die anderen halten ihm zugute, dass er – wohl früher als die meisten anderen – 1944 die ausweglose Lage erkannte und Kontakte knüpfte zum Leipziger OB Carl Goerdeler, einem Kopf des Widerstandes und des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944.

Unstrittig ist, dass Strölin im April 1945, von namhaften Bürgern wie dem Industriellen Otto Fahr heftig gedrängt, das fast völlig zerstörte Stuttgart kampflos an die Franzosen übergab. Unstrittig ist aber auch, dass Strölin 1931 die letzte demokratische OB-Wahl vor dem „Tausendjährigen Reich“ haushoch verlor gegen Karl Lautenschlager – was ihn und seine NS-Mitstreiter nicht daran hinderte, 1933 knallhart die Macht im Rathaus zu übernehmen. Der vom Volk gewählte Gemeinderat wurde praktisch abserviert, die Sozialdemokraten sofort verfolgt. Zugleich holten die Nazis 800 ihrer Parteigenossen in die Stuttgarter Stadtverwaltung.

Später reiste Strölin mehrfach nach Berlin, um bei Hitler vorstellig zu werden; selbst dem „Führer“ und seiner Entourage soll er heftig auf die Nerven gegangen sein. Um ihn endlich loszuwerden, willigte man ein, Stuttgart das völkische Prädikat „Stadt der Auslandsdeutschen“ zu verleihen. Nach dem Krieg stritt Strölin vor Gericht um seine Pension; seiner Ansicht nach hatten Hitler und seine Schergen eine für sich genommen richtige politische Idee „nur“ verraten. Strölin starb, bis zuletzt uneinsichtig, im Januar 1963. An seinem Grab standen Vertreter des rechten Kyffhäuserbundes und anderer Soldatenverbände. Ein Offizier der neuen Bundeswehr trug das Ordenskissen.


Stuttgarts Oberbürgermeister

4 - Seit 1945 erst drei Rathauschefs

STZ - Thomas Borgmann, 31.08.2012


Stuttgart - Am 22. April 1945 war für Stuttgart der Zweite Weltkrieg zu Ende. Im Gasthaus Ritter am Albplatz in Degerloch übergab Karl Strölin, der Oberbürgermeister, die zerstörte Stadt kampflos an den französischen General Schwartz. Doch Strölin klammerte sich an sein Amt – die Franzosen winkten ab. Die Suche nach einem neuen Chef der Stadtverwaltung dauerte keine 24 Stunden. Dem von namhaften Bürgern vorgeschlagenen Rechtsanwalt Arnulf Klett blieben am 23. April nur zwei Stunden Bedenkzeit – Klett sagte zu. Der Jurist, 1905 in Stuttgart geboren, war parteilos, hatte im Krieg Nazigegner verteidigt, einige Zeit in sogenannter Schutzhaft auf dem Heuberg verbracht. Ein Gegner des NS-Regimes.


Arnulf Klett – 1945 bis 1974
Klett
Arnulf Klett – 1945 bis 1974- Archiv


„Ich bin Schwabe von Geburt und habe gerade das Schwabenalter erreicht.“ So stellte sich Arnulf Klett seinen Bürgern vor, suchte sich eine Schar tatkräftiger Mitarbeiter und krempelte die Ärmel hoch. Erste Fotos zeigen ihn, mit der Schaufel in der Hand, unterstützt von seinem Sohn Roderich, beim Trümmerräumen am Königsbau. Klett war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Tausende hausten in den Ruinen oder im Freien, Hunger und große Wohnungsnot herrschten, die städtische Verwaltung funktionierte nur noch marginal. Die meisten Leute begrüßten das Kriegsende, die moralische Katastrophe wog schwer. Klett ließ keinen Zweifel, wer die Schuldigen waren – im kommunalen Tagesgeschäft wusste er genau, was zu tun war. Den Grad der Zerstörung, die Fülle der Aufgaben, Not und Elend kann man sich heute nicht mehr vorstellen.

Im Juli 1945 zogen die Franzosen ab, die Amerikaner übernahmen die Besatzungsmacht und bestätigten Klett am 8. Oktober in seinem Amt. Erst am 7. März 1948 gab’s in Stuttgart die erste OB-Wahl nach dem Krieg. 1954 und 1966 wurde Klett wiedergewählt, damals betrug die Amtszeit der Bürgermeister noch zwölf Jahre.

In der Rückschau gilt Arnulf Klett zu Recht als einer der profiliertesten Oberbürgermeister der Nachkriegszeit. Er führte zeitweise den Deutschen Städtetag und die kommunalen Arbeitgeber. Im Wiederaufbau, im Wirtschaftswunder, im Streben um ein neues demokratisches Gemeinwesen wurden auch Fehler gemacht, etwa der Versuch, die autogerechte Stadt zu errichten. Aber Kletts Leistungen überwiegen bei Weitem: Die Bodenseewasserversorgung, der Bau der gigantischen Leitung vom Bodensee nach Stuttgart, war sein herausragendes Projekt. Der Mann mit der Fliege leistete sich das eine oder andere Skandälchen – seine Bürger verehrten ihn trotzdem. Als er im August 1974 unerwartet starb, war die Trauer groß. Klett hatte sich für seine Stadt aufgeopfert und dabei seine Gesundheit ruiniert.


Manfred Rommel – 1974 bis 1996
Rommel
Manfred Rommel 1974 bis 1996 - Foto: Enslin


Es hätte nicht viel gefehlt und Manfred Rommel, Jahrgang 1928, wäre schon zur OB-Wahl 1966 gegen den populären Arnulf Klett angetreten. Die CDU-Granden wollten das, aber der junge Regierungsdirektor im Innenministerium lehnte ab. Acht Jahre später, nach Kletts Tod, konnte sich der Sohn des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel dem Drängen seiner Partei nicht mehr entziehen.

Am 1. Dezember 1974, im zweiten Wahlgang, gab’s für ihn 58,9 Prozent – ein klarer Erfolg. Auch seine Wiederwahlen 1982 (69,8 Prozent) und 1990 (71,7) wurden zum Beweis für das Vertrauen der Bürgerschaft in den liberalen Christdemokraten, der alles andere war als ein Parteisoldat.

Rommels 22 Jahre im Rathaus waren geprägt vom Terror der RAF in den späten Siebzigern, vom Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Flughafens in den Achtzigern, von der kommunalen Finanzkrise in den Neunzigern. Rommel führte – wie sein Vorgänger – den Deutschen Städtetag, unter anderem während der Wende 1989. Liberale Ausländerpolitik, solide Finanzpolitik, mahnende Grundsatzreden zum Wert der Demokratie, vor allem aber sein schwäbischer Humor und seine heiter-philosophischen Appelle an die Vernunft der Bürgerschaft machten ihn so populär wie wohl keinen seiner Vorgänger.

Zwanzig Bücher hat er geschrieben, ernste und heitere. Dass Rommel in seinen letzten Amtsjahren zu einem der Wegbereiter von Stuttgart 21 wurde, nehmen ihm die Gegner des Projektes noch immer übel. Doch der Alt-OB, der seit Mitte der neunziger Jahre an der Parkinson’schen Krankheit leidet, steht nach wie vor dazu. Hochgeehrt, unter anderem mit der Würde eines Ehrenbürgers, hat er Ende Dezember 1996 das Rathaus verlassen. Auch Rommel war ein Glücksfall für Stuttgart.


Wolfgang Schuster – 1996 bis 2012
Schuster
Wolfgang Schuster 1996 bis 2012 - Foto:Enslin


Noch ist es zu früh, die Ära des gebürtigen Ulmers, Jahrgang 1949, historisch abschließend einzuordnen. Manfred Rommels politischer Ziehsohn, wie er CDU-Mitglied, acht Jahre OB von Schwäbisch Gmünd und zunächst Kulturbürgermeister in Stuttgart, ist sowohl ein Verwaltungsprofi wie auch ein politischer Visionär: Die Unregierbarkeit der Megastädte in aller Welt, die Folgen des demografischen Wandels, das wirtschaftliche Aufstreben der Länder in Asien und Südamerika – das sind seine Themen, verbunden mit der Frage: Wie können Stuttgart und seine Region sich in dieser rasant wandelnden Welt auch künftig behaupten?

Einerseits hat Wolfgang Schuster die defensive Finanzpolitik seines Vorgängers fortgesetzt, andererseits verdankt ihm Stuttgart wichtige Kulturprojekte: Kunstmuseum, neue Bibliothek und Stadtmuseum. Mit Stuttgart 21, dem politischen ­Erbe seines Vorgängers, ist er nicht glücklich geworden – ein Feindbild geradezu für die Gegner. Trotzdem ist Wolfgang Schuster wiedergewählt worden, wenngleich diese Wahl von 2004 eine Zitterpartie für ihn war. Am Beginn dieses Jahres hat der Oberbürgermeister, der am 5. September seinen 63. Geburtstag feiert, den Abschied aus dem Rathaus angekündigt.

Was bleibt? In der Rückschau auf alle Oberbürgermeister seit den Anfängen der kommunalen Demokratie von 1818 lässt sich sagen: Stuttgart hat – sieht man einmal ab vom Nationalsozialismus – mit seinen Stadtoberhäuptern großes Glück gehabt. Profilierte Köpfe, die, jeder in seiner Zeit, durchaus auch Großes geleistet haben, gleichwohl nicht frei von Fehlern und Irrtümern gewesen sind. Wer immer am 7. oder 21. Oktober zum neuen Oberhaupt der Landeshauptstadt gewählt wird – er oder sie tritt, zumal historisch gesehen, in große Fußstapfen.


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